Bis auf den Grund

Nichts machte so nüchtern, wie eine Leiche an einem kalten Frühlingsmorgen. Besser als eine Kanne dampfender Espresso. Das stimmte nicht ganz. Obwohl er immer noch bis zur Brust in seinem kalten See stand, dessen Wasser seinen Körper wie tausend kleine Nadeln traktierte, durchfuhr den gescheiterten Romanautor ein noch kälterer Schauer, als er das Geräusch des Wagens bemerkte, der sich langsam die Serpentinen hinaufarbeitete. In einer halben Minute würde der unbekannte Fahrer das alte gusseiserne Tor passieren und den Vorplatz erreichen. Von dort hatte man einen wundervollen Blick auf den See – in diesem Fall: Auch auf eine tote Frau in ihrem Hochzeitskleid und einen bärtigen Mann mit seinem nassen Bademantel und Tränen in den Augen.

Nick tauchte ab, wühlte im Schlamm unter seiner toten Liebe. Stöhnend, die Welt im Allgemeinen und diesen Morgen im Besonderen verfluchend, hievte Nick einen oberschenkeldicken, angefaulten Stamm über seinen Kopf. Er schaffte es geradeso, ihn über den zierlichen Körper zu schieben und versank selbst im Morast. Mit Geschmack von Verwesung im Mund und seltsam vertrauten Lichtblitzen hinter den Augenlidern tauchte Nick Grün mit seiner Exangebeteten auf den schlammigen Grund. So nah war er ihr lange nicht gewesen. Nick tastete nach ihrem Gesicht, fühlte ihre Stirn, die kleine Nase, die schmalen Lippen. Ein Teil von ihm wollte bei ihr bleiben, den kurzen Rest seines Lebens mit der einzigen Frau verbringen, von der er immer geglaubt hatte, sie lieben zu können. Die Dunkelheit hier unten hatte etwas beruhigendes. Erinnerungsfetzen verließen Nicks ausgekühlten Körper, blubberten mit den Luftblasen an die Oberfläche. 

Wie lange war es her? Der Kuss unter Sommerregen in einer Gasse Regensburgs. Ihre Lederjacken quietschten, als sie sich aneinanderpressten. Der süße Geschmack, der Geruch ihrer Haut. Der Regen spielte Jazz in den Dachrinnen. Damals war Nick für einen kurzen Moment glücklich gewesen. Dann verließ sie ihn.

Für ihre Karriere, oder weil sie ihn nie genug geliebt hatte. Damals war sie eine vielversprechende Schauspielstudentin gewesen. Und er so ziellos wie heute. Ihre Begegnung in München Jahre später, die alte, totgeglaubte Liebe, plötzlich alles wieder so wie in jener Nacht in Regensburg. Bis er sie seinem Freund, den Filmproduzenten Klaas Weniger, vorstellte.

Nick öffnete die Augen. Lichtbalken der Morgensonne fielen durch das trübe Wasser. So zornig – und so lebendig – hatte er sich lange nicht gefühlt. Das letzte Mal an einem anderen See in Oberbayern, am Fuße der Alpen. Nick wusste, wer der Schuldige war. Er musste nur noch herausfinden, wie und warum Klaas Weniger es getan hatte. Und dann würde er ihn schnappen und ihn im dunklen Wasser versenken, so wie er gerade dessen Braut versenkt hatte.

Nick stieß sich mit Füßen, die er nicht mehr spürte, vom schlammigen Untergrund ab, tauchte auf, spuckte Morast, hustete, und versuchte wieder Luft in seine verrauchten Lungen zu pressen. Der Wagen hatte den Vorplatz erreicht. Es überraschte Nick nicht, dass es ein Polizeiauto war. Nick paddelte inzwischen gut 20 Meter vom Ufer entfernt. Die ganze Leichen-Versenk-Aktion hatte ihn ein gutes Stück rausgetrieben.

Die Hintertür der Villa konnte man vom Parkplatz nicht einsehen. Bis zum Schilf tauchen, von dort das Ufer hinaufklettern, und sich durchs Gestrüpp zum Haus kämpfen, war theoretisch möglich. Nur blieb wohl kaum genug Zeit, sich umzuziehen, wieder zu Atem zu kommen und als höflich überraschter Hausherr dem Dorfpolizisten die Tür zu öffnen. Nick musste improvisieren. Es war erstaunlich, wie gut das Denken funktionierte, wenn man unter Mordverdacht stand und in 8 Grad kaltem Wasser schwamm. Nick befreite sich von den schlammigen Resten seines liebsten Morgenmantels, den er sich einst in Indien hatte schneidern lassen, und lächelte grimmig. Manchmal war es von Vorteil, ein kurioser Exzentriker zu sein.

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