Der Krimi-Autor und sein erster Tatort

„Hello Officer, was kann ich für sie tun?“ Der Polizist starrte die nackte, bärtige Erscheinung an, die gerade über die Stufen aus dem See zur Terrasse hinaufgestiegen war. Grüner Schlick rutschte über Grüns Brust, versuchte sich kurz als Feigenblatt, um dann jenes Körperteil noch unpassender, tropfend zu verlassen. Der Polizist erholte sich überraschend schnell von dem Anblick.  „You are Nick Green, the Writer.“ Es klang mehr nach Feststellung als Frage.  „Yes Sir.“ Das Sir war zu dick aufgetragen. Egal, der Tanz hatte begonnen. Jetzt zählte das Spiel.

Und Nick spielte gerne und gut. Zumindest früher einmal. Vor langer Zeit. All das, seine tote Ex, der Sprung in den See, dieses Gespräch – alles fühlte sich an wie die ersten wachen Momente nach einem sehr langem traumlosen Schlaf. Der Polizist lächelte. „Keep the Sir lad. Up here are no Sirs, only men.“

Nick nickte. „I am Nick Grün, Autor. Sie sind am richtigen Ort.“

„I‘ve very unpleasant news, Mr Green. Maybe you sit down.“ Der Polizist nahm mit einer theatralischen Geste seine Mütze unter den Arm und strich sich die strähnigen grau-blonden Haare glatt.

Nick blickte an sich herab und zurück zu dem Dorfpolizisten, ein Sergeant, wenn Nick die drei silbernen Streifen auf seiner schwarzen Uniform richtig deutete. „Vielleicht sollte ich mir vorher auch eine Hose anziehen.“ Jetzt lachte der Polizist, der überhaupt sympathisch wirkte. Ein Mann Mitte fünfzig, Bierbauch, typisch schottisches, puddingartiges Gesicht. Nick dachte: Die Südeuropäer verschrumpeln. Die Schotten zerlaufen. Niemand altert charmant. Der Schotte klopfte sich mit dem Zeigefinger auf die Nase und lächelte anerkennend. „Mornin‘ swim ha? Good thing. Like my old granny did. God bless her. Go take a shower lad, I wait. No hurry.“

Ihm Zeit zu geben, war dumm von dem Polizisten, dachte Grün, während er ins Haus schlenderte. So sollte das nicht laufen. Setz dein Gegenüber unter Druck. Lass ihn nicht aus den Augen. Der Schotte wirkte trotz seiner kleinen Schweinsäuglein nicht dumm. Was hatte ihm der anonyme Tippgeber gesagt? Da liegt eine Leiche im Privatsee des kuriosen Schriftstellers? Wohl eher nicht. Damit hätte sich der Tippgeber nur selbst verdächtig gemacht. Nick ging betont langsam, solange er sich in Sichtweite wähnte, durchquerte den Flur, das Wohnzimmer mit offenem Kamin. Wäre der Bulle ihm bis hierher gefolgt, hätte er ebenfalls den süßlichen Geruch von Blut wahrgenommen. Die rotschwarze Pfütze vor dem Kamin war nicht zu übersehen. An den Rändern eingetrocknet. Musste wohl einige Stunden her sein, dachte Nick der Forensiker, der noch nie so viel Blut gesehen hatte, schon gar nicht im eigenen Wohnzimmer. Irgendwann gestern Nacht also.

Wie ein Künstler den ersten Pinselstrich, hatte jemand mit einem spitzen, langen Gegenstand in der Mitte der Lache eine tiefe Kerbe ins Parkett geschlagen. In Nicks Augen begann es zu flimmern. Blutspritzer tänzelten auf dem schmutzigen Granit des Kamins, auf dem Sofa, an der weißen Wand. Nick setzte sich immer noch nackt auf den Sessel vor dem Kamin und starrte auf die Szene. Über der Kaminöffnung hatte jemand mit Finger und Blut einen Smiley auf die weiße Wand gemalt. Der runde rote Kopf lächelte fröhlich und streckte Nick die Zunge heraus. Darüber stand ebenfalls mit Blut und in etwas krakeligen Lettern: „Mors certa, ora incerta.“ Dahinter ein X. Das ist also dein erster Tatort, dachte Nick, während er im Flur die Dielen knarren hörte. Der Sergeant wollte sich wohl ein wenig im Haus umsehen, während Grün unter der Dusche war.

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