Grüns Geständnis (2)

„Bloody Hell“, sagte der Polizist.
„Ja“, sagte Nick Grün.
„Was zur gottverdammten Hölle hat das zu bedeuten?“
„Ich habe keine Ahnung“, gestand Nick. „Mir ist es auch gerade erst aufgefallen.“ Auch das war nicht gelogen. (Für alle Neueinsteiger: Was bisher geschah)
Der Bulle taxierte Nicks Gesichtsausdruck. Traurig, ratlos, offen. Wenigstens hatte er inzwischen eine Jeans an. Auch ein zerknittertes Hemd hatte Grün, seiner Schlamperei sei Dank, neben dem Sofa gefunden. Seine Haare waren, so gut es ging, zu einem Scheitel glattgestrichen. Das war das letzte, für das Nick sich Zeit genommen hatte, bevor der Polizist das Wohnzimmer erreichte. Hätte er lieber mal irgendein Bild auf den Kaminsims gestellt. Dabei hatte er es fast geschafft gehabt.

Zigarre und Feuer, um den Blutgestank zu überdecken. Den alten zusammengerollten Wandteppich in der Ecke, den er schon bei seinem Einzug heruntergerissen hatte, über der Blutlache ausbreiten. Die Rotweinflasche entkorken – ausgerechnet sein teuerster Wein – und am Tischeck postieren, damit der feuchte Teppich und die Blutspritzer nicht auffielen. Dass sich der Polizist sofort auf sein Manuskript stürzte, war ein willkommener Bonus. Dabei war es einfach das einzige Papier im Raum.

„Also stammt das nicht von Ihnen.“
„Nein Sergeant. Ich pflege generell nicht an meine Wände zu malen. Schon gar nicht mit martialisch blutroter Farbe. Und schon gar keine seltsamen lateinischen Sätze mit Horror-Smileys garniert. Ich kann nicht mal malen. Ich verabscheue es. Ein Kindheitstrauma, wenn sie so wollen.“
„Naja, ein großer Künstler war das auch nicht.“ Der Polizist bewegte leise seine Lippen, versuchte den Schriftzug zu entziffern. „Was heißt das?“
„Das ist Latein.“
„Ich weiß, dass das Latein ist Sohn. Wissen Sie, was es bedeutet?“
Nick wusste es, ihm war aber gerade etwas anderes aufgefallen. Ein Kapitel fehlte. Ein ganzes Kapitel seines Manuskripts. Alle fertigen Versatzstücke hatte Nick zu einzelnen Heften zusammengetackert. Eins fehlte. Klar, er hatte einen ganzen Stapel verbrannt. Aber bis zu den fertigen Stücken war er noch gar nicht gekommen. Vier sollten es sein, jedes etwa mit 30 Seiten Text. Drei lagen da noch. Welches fehlte? Was stand da drin? Warum sollte jemand einen aus dem Zusammenhang gerissenen, zehn Jahre alten Text klauen? Warum nicht gleich alles? Andererseits, warum bringt jemand eine nicht unbekannte Schauspielerin um und legt sie einem sehr unbekannten schreibenden Alkoholiker in den See. Das einzige, was der Typ überdeutlich machte, war, dass er kein großer Fan von Nick Grün war und ihm ganz offensichtlich einen Mord anhängen wollte. Immer vorausgesetzt Nick hatte in der letzten Nacht nichts Dummes getan. Seit einer halben Stunde versuchte er sich krampfhaft an den gestrigen Abend zu erinnern, an die Nacht. Aber bis er heute, vor einer Stunde etwa, aufgestanden war, sich eine Zigarette gedreht und ein Glas eingeschenkt hatte, war alles weg. Nick starrte auf seine Füße, die im Rotwein-Blut standen.
Der Polizist wurde ungeduldig: „Mors certa, ora incerta. Was heißt das verdammt. Sicher – unsicher, irgendwas?“
Nick war kein Lateiner und auch sonst nicht sonderlich gebildet. Aber den Satz kannte er. Kein besonders großer Fan… Vielleicht stimmte das gar nicht. Vielleicht ein besonders großer Fan. Nick brach sein Schweigen: „Ja. Sicher und unsicher. Der Tod ist sicher, die Stunde ist unsicher. Frei übersetzt: Wir sterben alle, die Frage ist nur wann.“
„Eine Drohung.“
„Vielleicht.“ Nick winkte wage. „Ich weiß es nicht. Aber ich kenne das Zitat. Einer meiner Romanhelden benutzt es andauernd. Ein dicker Pfarrer aus Oberbayern, der sich selbst für gebildet hält.“
„Das ist ein Zitat aus einem ihrer Bücher?“
„Mehr als das. Es der Lieblingssatz des Pfarrers.“
„Wollen Sie mir weismachen, da bricht irgendein Irrer in Ihr Haus ein und zitiert auf diese abscheuliche Weise irgendeinen ihrer verkorksten Ermittler? Ein dicker deutscher Father Brown vielleicht? Sie wissen, dass das keine gewöhnliche Farbe ist, oder?“
„Ach so? Dann sollten Sie noch etwas wissen. Der Pfarrer hat mit Ihrem Braun wenig gemein. Er ist weder Ermittler noch ein sehr netter Charakter.“
„Das sind Pfarrer selten, Sohn.“
„Der noch weniger. Er bringt Leute um.“
„Warum?“
„Weil er ihre Zeit für gekommen hält.“
Der Bulle machte angewidert einen Schritt von der Wand zurück, was Nick sehr recht war, der inzwischen einen Zentimeter tief in Blut und Wein stand. Nick nutzte die Gelegenheit, seine Füße dezent am Teppichrand abzuwischen und in ein paar Mokassins zu schlüpfen – und dabei nochmals still seiner Schlamperei zu danken.
Nick lächelte den Polizisten an. „Natürlich ist es widerlich. Es ist ein Thriller. Der Pfarrer ist der Bösewicht. Er soll widerlich sein. Wollen Sie etwas trinken? Ich habe leider keinen Kaffe mehr. Und wollen Sie mir nicht endlich sagen, was Sie zu mir führt? Sie werden doch keinen anonymen Tipp bekommen haben, dass ein Fan bei mir eingebrochen ist und mit Blut über meinen Kamin gemalt hat, oder?“
Das Gesicht des Schotten war ein Gedicht. Er starrte ihn an, als hätte Grün ihm gerade die Leiche aus seinem See präsentiert. „Vielleicht trinken wir doch etwas Mr Green.“ „Was kann ich Ihnen anbieten?“ „Was haben sie denn.“ Beide Männer schauten unwillkürlich auf die Weinflasche, die sich auf den Teppich entleert hatte. „Einen klein Schluck Rotwein, denke ich. Sonst Wasser und Whisky.“ „Gern.“, sagte der Polizist. Nick lächelte und meinte auf dem Weg zur Küche endlich wieder ein wenig Boden unter den Füßen zu spüren. Dann klingelte das Telefon.

Die Identität des Anrufers überraschte Nick fast noch mehr, als die beiden bereits benutzten Whiskygläser auf seinem Küchentisch. Eines mit dem deutlichen Abdruck zierlicher roter Lippen.

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