Der Anruf

„Nick Grün“, sagte Nick Grün. Stille am anderen Ende der Leitung. Dann eine bekannte Stimme. Nick hasste sie. Wenigstens klang sie nicht so aufgedreht fröhlich wie sonst.
„Nick, bist du das? Hier Klaas.“ Klang er überrascht?
„Klar, was dachtest du denn, wer dran ist. Die Polizei?“ (Für Neueinsteiger: Was bisher geschah)
War das ein Stocken, ein aufgeregtes Schnaufen? Oder doch nur ein krachen in der langen Leitung? „Nein, natürlich nicht. Es ist nur so lange her, alter Freund. Wieso sagst du sowas?“
„Weil die Polizei gerade bei mir ist.“
„Und da lassen die dich einfach ans Telefon gehen?“
Aha. „Wieso sollten sie das nicht tun?“
„Keine Ahnung, ich dachte nur… vergiss es. Ich hab ein paar harte Wochen hinter mir. Ist Thea bei dir?“ Und da war auch der Name, den er nie wieder hören wollte, den er selbst an diesem wohl schlimmsten und verrücktesten Vormittag seines Lebens vermieden hatte überhaupt zu denken. Thea. Seine Thea. Oder besser Klaas’ Thea. Thea, die jetzt in ihrem Brautkleid am Grund seines schottischen Sees lag.
„Nein. Warum?“
„Spiel keine Spielchen mit mir Nick. Hol sie bitte einfach ans Telefon.“
Nick starrte auf die beiden Whiskeygläser. Ein Abdruck schmaler, roter Lippen, kein Zweifel. Entweder er hatte gestern Nacht etwas Furchtbares getan, oder jemand anderes spielte hier.

„Sie ist nicht hier“, sagte er.
„Ach dann ist sie wohl nur nach Edinburgh geflogen, um sich das Land anzusehen, wie?“ Das klang schon eher nach Klaas. Immer ein wenig Spott in der Stimme.
Nick ließ sich nicht darauf ein. „Schottland soll sehr schön sein im Frühsommer. Was ist hier eigentlich los Klaas? Warum rufst du deine Frau nicht einfach an, wenn du was von ihr willst?“
„Weil sie seit drei Wochen nicht an ihr Handy geht. Ich habe sie inzwischen für vermisst erklären lassen. Die halbe Welt sucht nach ihr. Sag mal liest du keine Zeitung Mann?“
„Nein.“
„Und sie ist nicht meine Frau du Arschloch. Aber wahrscheinlich weißt du das auch längst. Wahrscheinlich steht sie gerade neben dir mit ihrem und schaut dir mit ihrem weltfremden Blick Löcher in die Stirn. Da passt sie hin. Zu dir und deinem verkopften Geschreibsel.“
„Versteh ich nicht. Ihr habt doch groß geheiratet. Am See, mit Bürgermeister und Herzogin und allem drum und dran vor den Altar treten, wie das Filmsternchen eben so machen.“
„Ja ich weiß. Ich war da. Nur sie nicht. Sag mal du schaust auch kein Fernsehen, habt ihr noch Ausrufer da oben? Das ging durch alle Kanäle. Und hat mich fast meinen Job gekostet.“ In Nick schrie jetzt eine Stimme. Das Flüstern war schon den ganzen Morgen da. Doch jetzt schrie sie. Es war der junge, verliebte Nick. Der, der an eine glückliche Zukunft mit seine großen Liebe geglaubt hatte: Sie ist zu dir gekommen, schrie die Stimme. Ihr hättet wieder zusammen sein können. Und du hast sie sterben lassen. Oder noch Schlimmeres. Lass dich einsperren. Du bist den Rest deines Lebens nicht wert.
Nick sprach mit einer grabesruhigen Stimme ins Telefon: „Hat dich stehen lassen, wie? So viel Schneid hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Aber hey. Mach dir nichts draus. Solche Affären sind doch reine PR für die aktuelle Produktion Klaas. Das weißt du doch.“
„Nur dass ich keine Filme mehr mache du bärtiger Spinner. Hör zu, meld dich einfach, wenn sie auftaucht. Sonst machst du dich übrigens strafbar. Schlimm genug, wenn einem die berühmte Frau abhaut. Aber, dass sie bei einem abgelebten Möchtegernschriftsteller wieder auftaucht, kann ich grade echt nicht gebrauchen.“
„Da wäre es schon besser, wenn sie tot wäre, als mit mir zusammen, wie?“
Wieder eine Pause, die alles bedeuten konnte. „Ja. Aber da kann ich mir noch einfachere Lösungen vorstellen. Tot und bei dir zum Beispiel. Ahahahaha.“ Da war es wieder, dieses Lachen. Klaas lachte nicht über die Welt, sein Gegenüber, er lachte sie aus. Das Leben war ein einziger Scherz auf Kosten aller anderer. Und doch. Nick konnte sich diese Nullnummer nicht als Mörder vorstellen. Trotz allem.
„Danke, dass du angerufen hast Klaas. Ich melde mich, sobald ich etwas von ihr höre. Nur eins noch: Woher weißt du, dass Thea nach Schottland geflogen ist?“
Klaas Weniger, ehemals Filmproduzent und ein guter Freund von Nick, hatte sich lange zurückgehalten in ihrem Gespräch. Nick hatte richtig gespürt, wie er sich bei jedem Satz mehr und mehr zusammenriss. Trotzdem fraß sich der wahre Klaas langsam durch. Alter Freund, pah. „Die Po-liz-ei fahn-det nach ihr“, sagte Klaas in beißender Babysprache. „Dazu gehört, dass man die vermisste Person ü-ber-prüft, Herr Krimiautor.“ Erstaunlich, wie viel Verachtung man in zwei Worte legen kann, dachte Nick.
„Ja natürlich“, erwiderte der Herr Krimiautor ruhig. „Daran habe ich nicht gedacht.“
„Wie auch. Sauf dich nur schön weiter zusammen in deiner alten Burg. Genieß die wenige Zeit, die dir noch bleibt.“
„Ach wer weiß, vielleicht höre ich das Trinken für eine Weile auf und reise ein bisschen. Vielleicht sehen wir uns ja bald mal wieder.“
Klaas Weniger lachte, nicht mehr so glockenhell, wie Nick es von ihm gewohnt war. Sondern dunkel, fast hämisch. „Nein Nick, das glaube ich wirklich nicht. Leb wohl.“ Weniger beendete die Verbindung. Nick hörte noch ein bisschen dem britischen Störzeichen zu. Dann legte er auf, putzte die beiden Whiskygläser, und schenkte ein. Es war ein guter Whisky. Hoffentlich hatte er noch genug Zeit für das Glas, bevor sie ihn verhafteten.

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