Sergeant Ulysses Kerr (1)

Der Polizist fläzte in einem hölzernen Gartenstuhl, hielt sein Gesicht mit geschlossenen Augen in die Morgensonne und seufzte blubbernd, als er Nick Grüns teuersten Whisky in seinem Mund hin und her fließen ließ. Seine Uniformjacke war offen, auch der Bierbauch, der in seinem weißen Hemd weit über die Stuhlkante ragte, schien die Sonne zu genießen. Nicke hatte gegenüber von ihm Platz genommen, und starrte über den See zu jener Stelle, wo er Thea Königs Leiche vermutete. Lange sagten beide nichts. Die Frühlingssonne hatte ein paar Vögel aufgeweckt, der See lag schwarz und Still umgeben von hellgrünen Hügeln. Ein leiser, warmer Wind ließ das Schilf flüstern.

Nick vermied es, als Erster etwas zu sagen. Was sollte er auch sagen. Der Polizist war wegen Thea hier, einem Star, den die ganze Welt suchte. Und Nick hatte sie wahrscheinlich umgebracht. Besoffen, im Affekt, aus Wahnsinn, wer weiß. Der ganze gestrige Tag glich einem einzigen schwarzen Loch in Nicks Kopf. Was sind wir mehr als die Summer unserer Erinnerungen? Nick erinnerte sich an nichts, wusste nur noch entfernt, wie er an seinem Buch arbeitete, sich dann das erste Glas Whisky einschenkte, irgendwann gegen Nachmittag – sonst nur kurze Bilder von Licht und Dunkel, Theas Gesicht, aber das sah er oft. Und was machte es schon für einen Unterschied? Verdrängen wir unsere schlimmsten Taten nicht nur zu gern? Nick meinte, darüber mal etwas gelesen zu haben. Oder er hatte es selbst geschrieben. Egal. Er musste sich wohl mit der Tatsache abfinden, dass er ein Mörder war. Noch schlimmer: Dass er den Morgen damit verbracht hatte, seinen Mord zu vertuschen.

Irgendwann öffnete der Polizist die Augen und blickte sein Gegenüber lange an, als ob er alles von Nicks stiller Grübelei mitgehört hatte. Dann sagte er: „I don’t think that you killed her, lad.“ Das war’s. Mehr kam nicht. In Nicks Gesichtszügen regte sich nichts. Musste es auch nicht. Das Adrenalin, der Unterzucker, der offensichtliche Schlafmangel – auch wenn Nick sich nicht erinnerte, so lange wach geblieben zu sein – all das setze ihn unter körpereigene Drogen. Grün hatte das Gefühl, ein paar Meter neben seinem sitzenden selbst zu stehen und sich dabei zu beobachten, wie er sagte: „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.“
Der Polizist lächelte mitleidig. „Aber sicher haben Sie das, Mr Green. Thea König, man hat mich von höchster Stelle beauftragt sie bei Ihnen zu suchen. Oder das, was von ihr übrig ist. Komisch. Meinen Auftraggebern kam es irgendwie gar nicht in den Sinn, ich könnte sie lebend hier finden.“
„Ihren Auftraggebern?“
Der Polizist winkte ab. „Ich könnte Ihnen Namen nennen. Aber was wollen Sie damit anfangen? Nein, aus der Sache kommen Sie nicht mehr raus. Obwohl Sie ja bisher schlauer reagiert haben, als ich Ihnen es zugetraut hatte. Vor allem die Nummer mit der Zigarre und dem Rotwein fand ich ziemlich gut. Da habe ich Sie unterschätzt.“
„Offenbar habe ich Sie unterschätzt.“
Der Polizist grinste wie ein Breitmaulfrosch. „Sergeant Ulysses Kerr, Mr Very Simple, but honest from the heart. Sergeant Einfach findet eine Leiche und identifiziert einen Mörder mit der Waffe in der Hand. Einen Tatort gibt’s natürlich auch. Mit so viel Blut, dass ihn selbst Sergeant Kerr nicht übersehen kann.“ Er lachte trocken auf den See hinaus, drehte seinen großen Schädel und blickte Nick aus seinen kleinen listigen Augen an. Und Nick Grün empfand zum ersten Mal seit Monaten so etwas wie Hoffnung.

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