Hoffnung (1)

Jeder hatte einen Hebel. Bei Klaas Weniger war es Macht. Bei Nick war es Stolz. Und bei Sergeant Kerr – so korrupt und verkorkst er auch sein mochte – war es eine sonderbar verdrehte Form von Integrität. Die Art und Weise, wie er wenige Momente jedes Wort ausgespuckt hatte, gab Nick Grün eine letzte verzweifelte Hoffnung. (Wer jetzt erst einsteigt: Was bisher geschah). Auch wenn der Schotte keine Anstalten machte, auf seine letzte Bemerkung noch einmal einzugehen. Stattdessen stand er stöhnend auf, streifte seine Uniformjacke über und blickte über den See. „Where have you put the body, lad?“


Nick hätte jetzt seine Unschuld beteuern und den Polizisten auf Knien um Gnade und Hilfe anflehen können. Stattdessen blieb er sitzen und begann sich eine Zigarette zu drehen. „Keine Ahnung. Hat man es Ihnen nicht aufgemalt, Officer? Fundort, Tatort, Tatwaffe, Mörder? Damit der Sergeant auch nichts durcheinander bringt?“
Der Schotte zog in gespielter Entrüstung die Augenbrauen hoch. „Aber Mr Green. Wir haben uns so schön unterhalten. Und jetzt werden Sie ausfällig.“
Nick leckte den Kleberand feucht und schloss das weiße Blättchen um den Tabak. „Ich bin nur ehrlich mit Ihnen Sergeant. Und Sie haben recht. Sie sind ein kleines Licht. Ein Spielball in einem wesentlich größeren Spiel von dem Sie nicht einmal die Regeln kennen. Und ich wette, Sie haben keine Ahnung, wer Ihre so genannten Auftraggeber sind. Ich wette, Sie machen das,  weil es Ihnen von einem Vorgesetzten aufgetragen worden ist. Und ein korrupter Bulle muss eben tun, was sein korrupter Chef sagt, habe ich recht?“
Der Schotte fixierte Nick. Die kleinen Schweinsäuglein verengten sich zu Schlitzen. Seine Züge hatten jetzt nichts mehr freundliches. Das Puddinggesicht gefror zu Eis. Nick zündete sich seine Zigarette an, blies den Rauch in den strahlend blauen Himmel. Langsam formte sich eine Idee in seiner rechten Gehirnhälfte. Er durfte sie jetzt nur nicht gleich wieder verschrecken.
„Und was jetzt Mr Green? Wollen Sie an meinen Anstand appellieren? Ich hätte Sie für weniger naiv gehalten.“ Nick war aufgefallen dass der schottische Akzent in Kerrs Stimme langsam schwächer wurde. Ein Zeichen von Nervosität?
„Nein, an den dummen Polizisten in Ihnen. An Sergeant Simpel. Und natürlich an ihren Überlebenswillen.“ Der Polizist starrte Nick Grün verständnislos an. Nick beachtete ihn gar nicht, fixierte einen Punkt im Waldrand am anderen Seeufer, zog an seiner Zigarette und redete ruhig weiter: „Ich will, dass Sie mir genau zuhören. Sie legen mir jetzt Handschellen an, führen mich in Ihr Auto. Dann gehen Sie zurück ins Haus in den ersten Stock. Den Gang ganz nach hinten. Die Tür zu meinem Schlafzimmer steht offen. Gegenüber des Bettes steht eine Kommode. Darin finden Sie meinen Reisepass und etwa 8.000 Euro und Pfund in Bar, verpackt in einem Kuvert, das zwischen der zweiten und dritten Schublade steckt. Meine Mantel samt Brieftasche liegt auf dem Bett.  Ich brauche außerdem was von meinem Skript vor dem Kamin noch übrig ist. Unten im Dorf organisieren Sie mir ein Auto und etwa sechs Wochen Zeit, um herauszufinden, was hier letzte Nacht passiert ist.“ Nick Grün ließ den Punkt auf der anderen Seeseite nicht mehr aus den Augen.
Der Polizist schnaubte verächtlich. „Sie waren wohl zu lange hier oben. Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie kommen hier nicht mehr ungeschoren davon. Jemand will Sie fallen sehen. Ganz tief. Und jetzt…“ Der Polizist stockte, weil er plötzlich einen Zigaretten- und Whisky-Atem neben seinem Ohr spürte. „Und ich sage Ihnen“, flüsterte Nick Grün, „wenn Sie nicht sofort tun was ich sage, sterben wir beide.“

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