Auf der anderen Seite des Sees

Klaas Weniger putzte seine randlose Brille. Ruhig, gründlich, als würde diese Brille und das seidene Einstecktuch seines Anzugs, mit dem er sie putzte, gerade die Welt bedeuten. Als gäbe es nichts wichtigeres. Vor allem nicht der Mann, der am anderen Ende seines Schreibtischs stand und schwitzte. Der wiederum versuchte sich gerade verzweifelt nicht daran zu erinnern, was nochmal mit dem Boten passierte, der schlechte Nachrichten für den König hatte. Die Pause war unerträglich für den Mann. Irgendwann wiederholte er, was er schon einmal gesagt hatte:

„Ich kann mir das alles nicht erklären. So hätte das nicht ablaufen sollen. Mein Kontakt hat sich genau an die Anweisungen gehalten.“ (wer jetzt erst einsteigt: Was bisher geschah)
Klaas Weniger hatte noch ein Staubkorn entdeckt und pustete behutsam. „Genau an die Anweisungen gehalten“, murmelte er gedankenverloren, legte seine Brille behutsam beiseite und das Seidentuch wieder zusammen. Dabei sezierte er nochmal laut jedes Wort: „Ge-nau an die An-wei-sun-gen ge-hal-ten.“
„Und wir wissen ja noch gar nicht, was wirklich passiert ist. Vielleicht hat sie sich abgesetzt.“
Weniger setzte seine Brille auf und blickte sein Gegenüber an, als hätte er ihn zum ersten Mal bemerkt. „Dann ist ja alles in Ordnung Huber.“
Huber zuckte kurz zusammen. Einerseits, weil er zu der Sorte Mensch gehörte, die das Herr vor ihrem Namen genossen – und die es normalerweise auch von in ihrem Umfeld mit besonderer Ehrfurcht hörten – und andererseits, wegen der Augen. In Wenigers stahlblauen Augen schien gerade das Feuer der Hölle zu lodern. Sein freudloses Lächeln unterstützte den Eindruck nur. Huber schauderte und lächelte zugleich. „Ja das sag ich doch auch Klaas. Das wird sich schon alles finden. Ha ha.“
„Ha ha“, machte Klaas Weniger. Sein Lächeln verschwand so plötzlich wie ein Pistolenschuss und als würde er ihm gerade den Wetterbericht vorlesen sagte er: „Sie ist tot, Huber.“
„Das ist eine sehr unglückliche Entwicklung“, sagte Huber. „Davon weiß ich nichts.“
„Meine Frau ist tot und du sagst mir, dass das eine sehr unglückliche Entwicklung ist.“
„Nein, nein natürlich nicht. Ich wusste nicht. Woher?…, ich meine, ich kann mir nicht vorstellen… das tut mir alles so leid.“
„Schon gut Huber. Im Moment weist nichts daraufhin, dass es deine Schuld ist.“ Und während Huber noch überlegte, wie lange so ein Moment bei Klaas Weniger gewöhnlich dauerte, sprang dieser auf und klopfte ihm auf die Schulter. „Solche Dinge passieren. Vielleicht wird ja auch was Gutes draus.“
„Ja?“ Huber sah Licht am Ende des Tunnels.
„Ja. Und Nick Grün sitzt im Kittchen. Zumindest das ist nach Plan gelaufen.“
Das Ende des Tunnels stand in Flammen. „Nun ja“, schwitzte Huber heraus. „Genaugenommen sitzt dieser Grün nirgendwo.“
„Was?“
„Ich kann mir das auch nicht erklären. Ich meine, wir wissen, dass man ihn abgeführt hat. In Handschellen und alles. Aber es gibt keine Eintragung über eine Festnahme. Auch nicht über einen Mordfall. Das einzige, von dem mein Kontakt weiß, ist eine Ermittlung wegen Hausfriedensbruch und Vandalismus…“ Wenigers Gesichtsausdruck ließ Huber verstummen. Wenn er vorher die Feuer der Hölle in dessen Augen lodern gesehen hatte, war jetzt das Armageddon hereingebrochen. Aber es waren nur seine Augen. Sein Gesicht schien freundlich entspannt. Und das machte alles noch viel schlimmer. Glücklicherweise schien Weniger genug von Huber zu haben, denn er wandte sich ab und trat ans Fenster.

Und da war er, glitzerte unschuldig in der Mittagssonne. Ahnungslos lag er da, klein aus Wenigers Perspektive. Und – das musste selbst Weniger zugeben – wunderschön anzusehen. Dahinter die saftig grünen Berge, und irgendwo dazwischen das Volk in seinen possierlichen Behausungen. Wenigers Haus hatte ein Vermögen gekostet, und doch war es eher unscheinbar, keine Villa, ein ganz normales Haus, fast eine Hütte. Aber der Blick entschädigte jeden Tag für die Summe. Es war der Blick eines Siegers. Und Klaas Weniger siegte gerne. Irgendein Tiroler hatte mal in einem Interview behauptet, dass das Kapital immer die erhabenen Plätze suchte, ein Platz an der Sonne mit majestätischem Blick. Das stimmte zum Teil. Aber es war nach Wenigers Meinung nicht nur der Blick als solcher. Es war das Wissen, dass einem alles, was man sah, gehörte. Noch durfte er es nicht Reich nennen. Nur Besitz. Die meisten wussten nichts davon. Holdings, Trusts, Fonds – irgendwelche Firmen mit sonderbaren Namen wie Tegernsee Eigentum GmbH. Doch inzwischen gehörte diesem unauffälligen Mann mit seiner randlosen Brille das halbe Ufer, das halbe Tal, um genauer zu sein. Und sie alle mussten vor ihm kriechen.

Auch dieser Huber, einer der höchsten Regierungsbeamten Bayerns.  Aber das war längst nicht genug. Bald, sehr bald, würden sehr viele mehr vor ihm kriechen müssen. Ich brauche ein Haus mit einer weiteren Aussicht, dachte er, als sein Blick auf die Journalisten in seinem Innenhof fiel. Sogar zwei Übertragungswagen waren da. Andere angehende Politiker mussten sich für ein wenig Aufmerksamkeit prostituieren. Weniger hatte die schmierige Bande nicht einmal angerufen. Nur die passende Pressemitteilung fehlte. Nun, sie lag fertig getippt auf seinem Schreibtisch. Nur stimmte sie nicht mit den Ereignissen überein. Ein Fehler. Und Weniger hasste Fehler mehr als alles andere. Aber dennoch ein Sieg. Weniger summte ein Lied, dass er sehr lange nicht gesummt hatte, bis ihn ein Räuspern unterbrach.

Dieser Huber hatte wirklich kein Taktgefühlt. Wusste nicht einmal, wann man sich besser still hinausschlich und seine Arbeit machte. „Sie sind ja noch da Huber.“ Huber bemerkte das „Sie“ und wusste nicht so recht, was er davon halten sollte, außer, dass es sicher nicht gut war.
„Ich werde sofort in London anrufen und von den neusten Ereignissen berichten. Dieser Grün muss zweifelsohne für seine Taten bezahlen.“
„Zweifelsohne“, es klang nicht wie Nachäffen und doch war es genauso gemeint. „Tun Sie das Huber. Danke. Ich will Sie nicht länger festhalten.“
„Machs gut Klaas, äh, Herr Klaas, äh…“ Huber murmelte ein „‚Tschuldigung“ und flüchtete. Er hatte Klaas Weniger gerade einen fast perfekten Moment verdorben. Davon wusste der Mann natürlich nichts, weil er keinen Stil hatte. Und Weniger hasste Menschen ohne Stil fast so sehr wie Fehler. Weniger seufzte, setzte ein durch und durch freundliches Lächeln – gemischt mit einem ehrlich traurigen Blick – auf und trat vor die Presse.

Während Klaas Weniger seine politische Karriere startete, saß Nick Grün in einem Fischerboot vor seinem Notizbuch und versuchte sich zu erinnern. An was? An alles.

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