Frühstück mit Klaas – und Thea

Mit einem leisen Plopp landete der halbgekaute Bissen Croissant in Nicks Kaffeetasse. Mit offenem Mund starrte der Krimiautor auf den Fernseher eines Cafés irgendwo an der Bretagneküste. Die Nachrichtensprecherin kündigte den spektakulärsten Vermisstenfall an, den Europa seit dem Tod von Lady Di erlebt hatte. Dann erschien Klaas Weniger. Sein graues Haar wehte ein wenig im Föhnwind, hinter ihm der blaue unschuldige See und die lieblich-grünen Berge. Klaas Weniger richtete einen besorgten Blick auf die unzähligen Journalisten. Er räusperte sich. Zig Mikrophone rückten näher. Klaas wich zurück, schien kurz eingeschüchtert, fasste sich wieder und begann zu reden. Konsterniert, sichtlich berührt, schilderte Weniger die Suche nach seiner besseren Hälfte, und was diese Frau, seine Schönheit, wie er sagte, für ihn bedeutet hatte. Es klang wie ein Nachruf. (für alle, die Klaas Weniger noch nicht kennen: Auf der anderen Seite des Sees und die ganze Vorgeschichte: Was bisher geschah).

Nick lauschte mit offenem Mund. Eine rührende Geschichte. Ganz zweifellos. Klaas erzählte, wie er am Altar wartete und wartete und sie nicht kam. Wie er die Polizei verständigte, die von alledem nichts wissen wollte. Doch Klaas Weniger habe nicht aufgegeben. Niemals. Aus ganz Deutschland habe er Unterstützung erfahren. Wie schwer es gewesen sei, die Suche auf ganz Europa auszuweiten. Wie schlimm die Kleinstaaterei Europas und das Bürokratiemonstrum in Brüssel die Suche nach seiner unschuldigen Liebe behinderte. Inzwischen aber – dank Wenigers einflussreicher Freunde, die wenigen, die die Wichtigkeit schnellen Handelns über die Grenzen Deutschlands hinaus verstanden – inzwischen also, suche ganz Europa nach seinem Star, nach seiner Schönheit. Thea König. Bei ihrem Namen brach er kurz ab, drehte sich um und blickte über den See. Als er sich wieder den Kameras zuwendete, hatte er Tränen in den Augen.

Mit brüchiger Stimme erinnerte sich Klaas Weniger daran, wie sich Thea und er zum ersten Mal gesehen hatten. Liebe auf den ersten Blick, natürlich. Nick kannte die Szene, die Klaas da schilderte. Sehr gut sogar. Er war dabei gewesen. Klaas allerdings nicht. Der hatte Thea König erst Jahre später kennengelernt – als Nick die beiden einander vorstellte. Was Klaas da den Journalisten erzählte, war die Geschichte, wie Thea und Nick sich zum ersten Mal trafen. Nick hätte sie nicht besser erzählen können.

In einem Seminarhaus am Tegernsee inmitten dieser lieblichen Berge, ganz in der Nähe des Vorhofs, auf dem Klaas gerade stand. Beide Teilnehmer eines Seminars, beide arrogant auf ihre Weise, beide noch so jung. Wie sie die ganze Woche kein Wort miteinander wechseln, bis sie schließlich – am letzten Tag – per Zufall in ein Team gewählt werden. Wie sie sich dann nicht mehr von der Seite weichen. Liebe auf den ersten Blick. Eine dumme Plattitüde für Etwas, das Nick nur einmal in seinem Leben empfunden hatte, an jenem Föhntag im Oktober am See.

Klaas erzählte nichts von den langen Gesprächen, draußen in der Bar, in die sie sich davongestohlen hatten. Hoch über dem See mit Blick über die Egerner Bucht. Die warmen Windstöße im Spätherbst, die das junge Paar forttragen und alles um sie herum auslöschen, bis auf ihr zartes Gesicht, ihre helle Stimme, der Nick mit jedem Wort mehr verfällt. Ihr erster Kuss auf dem Heimweg, mehr ein Hauch, der sich im warmen Sturm verliert. Was hatte sie damals noch zu ihm gesagt?

Unter einem Tränenschleier sah Nick Klaas‘ kalte blaue Augen, die ihn durch den Fernseher hindurch fixieren zu schienen, als er sagte: „Ich werde nie vergessen, was sie an jenem Abend zu mir gesagt hat. Sie blickte mir fest in die Augen und sagte…“

„Wir sterben alle, die frage ist nur wann. Aber hier mit dir lebe ich ewig“, flüsterte Nick. Kaffee tröpfelte aus der umgekippten Tasse über Nicks Mantel. Nick ballte die Fäuste. Verzweifelte Tränen verfingen sich in seinem Bart. Nick konnte nicht schreien, nichts werfen, sich nicht einmal bewegen. Schweigend und zitternd saß er an dem Tresen und starrte aus geröteten Augen auf den Bildschirm.

Ein kleiner verlebter Mann weint bitterlich und allein in einem Café.

Ein kurzes, freudloses Lächeln zuckt in Klaas Wenigers Gesicht, die Welt klebt an seinen Lippen, als er zum nächsten Schlag ausholt: „Ich habe sie heute eingeladen, um Ihnen mitzuteilen, dass wir jetzt traurige Gewissheit haben – und einen Verdächtigen…“

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