Jetzt siehst du mich ganz klein

Die Pressekonferenz wird von einem aufgeregten Nachrichtensprecher abgelöst, der noch einmal wiederholt, was Klaas Weniger wenige  Sekunden vorher in die Kamera gesagt hat. Dann kommt eine kurze Unterbrechung – für den Wetterbericht. Es soll Regen geben. Nick Grün wirft einen Fünf-Euro-Schein auf den Tresen, taumelt aus dem Café und wandert ziellos über die Strandpromenade der französischen Kleinstadt. Er bleibt an einer Bank stehen, kramt in seiner Manteltasche nach Tabak, dreht, kramt nach einem Feuerzeug, zündet zitternd an, nimmt einen Zug und setzt sich hin. Die Stimme von Klaas Weniger aus dem Fernseher hallt in seinem Kopf wieder.

„…Thea König wurde uns genommen. Die Heldin des deutschen Films und meine Verlobte ist tot. Nach meinen Informationen wurde sie zuletzt in Schottland gesehen. Dort besuchte sie einen ehemaligen Freund. Nick Grün, eine gescheiterte Figur aus ihrem früheren Leben, wird deshalb von den Behörden direkt mit dem Mord an Thea König in Verbindung gebracht…“

Die gescheiterte Figur dreht sich eine zweite Zigarette, raucht, starrt über den rauen Atlantik (Für alle die sich – vor allem nach so langer Kreativpause – fragen, wer die gescheiterte Figur ist: Was bisher geschah). Was hatte Thea einmal zu ihm gesagt? „Jetzt siehst du mich ganz klein.“ Damals war sie vor Klaas geflüchtet und Tränen überströmt vor Nicks Tür gestanden. Mit verlaufener Schminke, geröteten Augen, schluchzend. Es brach ihm damals das Herz, als er sah, wie viel Macht Klaas Weniger über sie hatte. „Jetzt siehst du mich ganz klein.“ Tja Thea, das war’s wohl, jetzt siehst du mich ganz klein.

Wie sollte er, diese heulende Vogelscheuche, dieser Schatten seiner selbst, jemals wieder aus diesem Schlamassel rauskommen? Nick würde selbst jederzeit zugeben, dass er nicht sonderlich intelligent ist. Dabei hat er nur einen Packen Geldscheine, der schnell kleiner werden wird. Wieder rinnen Tränen über sein Gesicht, weniger der Trauer, mehr der Verzweiflung und der Angst. Was für ein Held.

Das Fernsehen zeigte auch ein Foto. Nick im Morgenmantel mit einer Zigarette in der einen und einem Glas Whisky in der anderen Hand vor seinem Schloss. Das Bild muss recht neu sein. Wie lange haben die ihn schon beobachtet? Der Sprecher verkündete dazu mit hysterischem Unterton. „Die örtlichen Behörden ermitteln beflissen.“ Offenbar, so weitere Enthüllungen einer sicheren Quelle des Senders, pflegte Nick rege Kontakte zu gewaltbereiten Terroristen des linken Spektrums.

Nick verwettete seinen ungeschriebenen Roman darauf, dass die Behörden erst übers Fernsehen von dem neuen, Schauspielerinnen meuchelnden Terroristen in Schottland erfahren hatten. Nick hätte schon interessiert, woher Klaas so genau wusste, dass Theas Leiche in seinem See lag. Die Journalisten wahrscheinlich auch. Aber Klaas ließ keine Fragen zu. Dafür krönte er seine Rede mit einem Oberhammer: Klaas Weniger wird Politiker.

Dieses kleine Aas benutzt Theas Tod für den Beginn seiner politischen Karriere. Klar, hübsch eingeordnet: „…einen traurigeren Anlass für diesen Schritt könnte es nicht geben…“, bla bla bla, „…ich will dem einer so großen Frau – so sinnlos er gewesen sein mag – wenigstens nachträglich einen Sinn geben…“ Und so weiter. Und der geschulte Filmproduzent weiß auch, wie man einen Cliffhanger anständig aufhängt. Für welche Partei und welches Amt, kann er noch nicht sagen. Erst müsse er sich mit Gleichgesinnten in Deutschland und Europa abstimmen. Doch bald werde er Klartext sprechen. Die Zeit sei Reif für einen fundamentalen Wechsel. Und natürlich werde er nicht eher ruhen, als bis der Verantwortliche für Theas Tod  zur Rechenschaft gezogen wird.

Wie schlimm muss es um das Land stehen, wenn Aasgeier wie Klaas Weniger nach der Macht geifern? Wie schlimm muss es um Europa stehen? Was hat Nick Grün da alles nicht mitbekommen? Und was hat er übersehen? Übersehen…

Vielleicht ist es der Schock, oder die kalte Panik – Nick erwartet jeden Moment, dass ein Polizist die schwere Hand des Gesetzes auf Nicks Schulter sinken lässt. Schon die ganze Zeit widersteht er der Versuchung, sich umzusehen. Nicks Hirn arbeitet so schnell wie lange nicht.

Theas Satz bei ihrer ersten Begegnung, den Klaas gerade im Fernsehen wiederholt hatte: „Wir sterben alle, die Frage ist nur wann.“ Sinngemäß derselbe Satz, der auf Latein in Blut an Nicks Wand steht: „Mors certa, ora incerta.“ Derselbe Satz, den Nick in seinen Romanen verwendete, mehr noch: einem Serienkiller zuschrieb. Zufall? Letzteres sicher nicht. Ersteres? Vielleicht.

Aber es passt zu der Tatsache, dass für Klaas Weniger das Ganze alles andere als glatt gelaufen ist. Glatt wäre gewesen: Thea tot, Leiche schwimmt im See, Nick steht daneben mit der Tatwaffe in der Hand, Fall gelöst. Gut, Nick hat die Leiche verschwinden lassen – zumindest für den Moment – und der Polizist verhaftete ihn eben nicht. Im Gegenteil, er rettete ihn, indem er Nick in Handschellen von der Bühne führte. So dass der Scharfschütze auf der anderen Seeseite glauben musste, Nick sei in sicherem Gewahrsam. Der war mutmaßlich einer von Klaas‘ Männern, der Nick sofort abgeknallt hätte, falls er abgehauen wäre. Aber mutmaßlich hatte der Beobachter auch mitbekommen, dass die Sache nicht glatt gelaufen war und das sicher an Klaas weitergegeben: Grün verhaftet, aber Leiche weg. Trotzdem tritt Klaas Weniger wenige Stunden später vor die Presse. Warum? Welchen Zeitplan muss er einhalten? Oder hat er die Leiche längst wieder hochtauchen lassen? Egal.

Viel wichtiger: Der Schriftzug, der Smiley, das Blut im Wohnzimmer, es passt nicht zur Geschichte. Dafür zu einem fiktiven Serienkiller aus Nicks Krimis und zu Thea. Warum das alles so war, vermag Nick nicht zu sagen. Aber vielleicht bleibt ihm die Möglichkeit, zu testen, ob er auf der richtigen Spur ist. Oder es ist schon zu spät?

Nick tastet in seiner Tasche nach dem Handy, das ihm Sergeant Kerr gegeben hat. Gleich wählt er die einzige Nummer, die eingespeichert ist.

Vorher raucht er aber noch eine Zigarette.

Weil er einen Gedanken genießt. Jetzt ist er ganz klein. Fast hätte er vergessen:

Nur die Großen können ganz klein werden. Thea wusste das.

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