Am Fuße des Tals

Nick wählte die einzige Nummer in seinem Telefon. Es klingelte lange. Dann kam ein „Ha?“
„Ich höre die örtlichen Behörden sind sehr beflissen“, sagte Nick trocken.
„Ah! Sie haben das Medium Fernsehen für sich entdeckt, immerhin ein Anfang. Vielleicht kann ich sie auch für das Netz begeistern. Da ist es gerade noch viel spannender.“
„Reden Sie nicht mit mir, als wäre ich aus dem letzten Jahrhundert.“
„Ein Mann, der nicht einmal den Brexit mitbekommen hat, sollte hier den Mund wirklich nicht zu voll nehmen, Green. Ich hoffe, Sie haben wenigstens die Basics der Flüchtlingskrise mitbekommen. Wäre auch nicht ganz unwichtig für Ihren Fall, denke ich“
Refugee crisis,… Nick hatte den Verkäufer in seinem Tante Emma Laden davon reden hören. Offenbar sollte Schottland bald von Horden gewaltbereiter Muslimen überrannt werden, die dann alle seine Frau vergewaltigten. Nick Grün hatte Mrs McFuller einmal dabei beobachtet, wie sie mit der nackten Hand eine Schmeißfliege erschlug und sich den Kadaver an ihrem Schnurrbart abwischte (Was bisher geschah).

Schon damals hatte er sich gefragt, wer je so verzweifelt sein konnte. Aber diese Muslime schienen auch einfach keinen Geschmack zu haben. Nick tat es damals als die typische Xenophobie eines Kleinstädters ab. Aber offenbar hatte sich die ganze Geschichte zu einer Krise entwickelt. Sobald diese ominösen Muslime Mrs McFuller wirklich vergewaltigt hatten, war Nick bereit, sich ernsthafter damit auseinanderzusetzen. Bis dahin hatte er andere Probleme. Nick Grün ignorierte Kerrs letzten Einwand. Kerr ging dafür auf seine Frage ein: „Die örtlichen Behörden, damit meine ich mich, haben vielleicht noch sechs Stunden. Dann wimmelt es hier von Spezialeinheiten aus Scottland Yard.“
„Sind Sie in ihrer allzu sehr begrenzten Stellung in der Lage, ein Labor zu beanspruchen.“
„Ja.“
„Nehmen Sie eine Blutprobe vom Teppich, eine von der Wand und eine von Thea König, lassen Sie sie vergleichen.“
„Thea König wird schwierig, außer, sie wollen dass ich einen Schnorchel trage, wenn die Jungs aus der Hauptstadt anrücken.“
„Richtig. Aber Sie brauchen doch bloß ihre DNA.“
„Ja.“
„Schön. Die bekommen Sie auch so. An meiner Kommode haben Sie ja schon rumgefingert. Im dritten Fach von oben befindet sich eine schwarze Schachtel. Nehmen Sie sie bitte ganz mit.“
„Was ist da drin? Doch kein Finger odersowas?“
„Eine Haarlocke und viele Briefe. Beides müssen Ihre Kollegen nicht in die Finger bekommen.“
„Haben Sie einen Verdacht?“
„Eine Theorie. Aber sonst tappe ich genauso wie Sie im Dunkeln. Mit dem einzigen Unterschied, dass Sie sich sicher sind, dass ich Thea nicht umgebracht habe.“
„Achso?“
„Na sonst hätten Sie mich doch nie gehen lassen.“
„Ich sehe das so: Ich habe Sie laufen lassen, um das ganze Komplott dieser links-fundamentalistischen wasauchimmer Verschwörung aufzuklären. Und ich bin der einzige der Sie jederzeit orten kann.“
Nick nahm sein Handy vom Ohr und starrte es an. „Stimmt“, sagte er wieder am Hörer. „Und ich vertraue Ihnen trotzdem.“
„Why?“
„Weil Sie ein korruptes Arschloch sind, dass wesentlich schlauer ist, als es aussieht und mich nach fünf Sekunden durchschaut hat.“
Sergeant Kerr sagte lange nichts. Nick hatte das Gefühl, dass es gerade sehr intim zwischen den beiden fast unbekannten Männern wurde.
„Nehmen Sie’s nicht so schwer Green. So einen eifrigen Ermittler von Scottland Yard hätten Sie Wochenlang mit Ihrem Charme an der Nase rumführen können.“
„Und in dem Moment, in dem ich die Terrasse ohne Handschellen verlassen hätte, wäre ich dank des Scharfschützens auf der anderen Seeseite tot gewesen.“
„Ja. Witzig, oder? Wie das Leben so spielt.“
„Werden Sie Probleme bekommen wegen mir?“
„Ja, aber wie Sie sagen. Ich bin ein korruptes Arschloch. Ich bin Probleme gewohnt. Was haben Sie jetzt vor?“
„Ich werde mich rasieren. Für den Anfang.“
„Mr Green, ich sage das nur ungern. Aber vielleicht wäre es an der Zeit, sich einen guten Anwalt zu suchen, jetzt, wo Sie noch die Möglichkeit dazu haben.“
„Ich weiß genau, wen ich jetzt suchen muss. Und ein Anwalt ist es sicher nicht. Aber etwas Ähnliches.“
Der Polizist zögerte am Telefon, dann machte er ein unbestimmtes Geräusch. Nick konnte nicht beurteilen, ob es anerkennend oder überrascht klang. „Was glauben Sie, kommt bei den Laborergebnissen heraus?“
„Eine Spur“, sagte Nick. „Ich melde mich wieder.“

Irgendein Küstenort in Nordfrankreich. Ein Mann kauft sich Rasierzeug in einem kleinen Tante-Emma-Laden. Er lächelt.

Eine Terrasse über dem Tegernsee. Ein Mann blickt über das Tal, das er als sein eigenes betrachtet. Er lächelt.

Der Weg unterhalb derselben Terrasse. Eine junge Reporterin tritt auf dem Rückweg von Klaas Wenigers Pressekonferenz missmutig gegen einen Kieselstein. Sie weiß, das etwas nicht stimmt.

Dalmatien. Eine Villa an einem Berghang, auch mit einer Terrasse, auf die nun ein alter Kroate tritt, nachdem er seinen Fernseher ausgeschaltet hat. Nachdenklich schaut er über die Adria. Dann nimmt er auf einem Gartenstuhl platz, zündet sich eine Zigarre an und wartet. Es dürfte nur wenige Tage dauern, bis jemand kommt.

Ende des ersten Kapitels.

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