Flucht

Die Blonde im Brautkleid streckte Nick ihre zarte blasse Hand entgegen. Sie öffnete den Mund. Als wollte sie irgendetwas sagen. Doch heraus kamen nur stille Luftblasen. Ihr Gesicht verkrampfte sich. Die Hand reckte sich nochmal in Nicks Richtung. Und nochmal. Mit weit aufgerissenen Augen. Er blieb stehen wie zu Eis erstarrt. Eine unsichtbare Kraft zerrte das wunderschöne Mädchen in die Tiefe. Ihr hübsches Gesicht verschwamm mit dem dunklen, blutgetränkten Wasser. Übrig blieb Nicks Spiegelbild auf der Wasseroberfläche im Mondschein. Nur seine Augen waren anders. Zwei dunkle Höhlen so schwarz wie eine Sturmnacht im schottischen Hochland. Das Spiegelbild sagte: „Mors certa, ora incerta. Erinnere dich.“
„An was soll ich mich erinnern?“
„An alles du Idiot.“

Nick Grün erwachte mit dem Geschmack von Blut und Aschenbecher in seinem ausgetrockneten Mund. Und da war noch etwas. Wenige Menschen kommen in den Genuss, das Aroma von hunderten Hinterteilen zu riechen, die ihren Angstschweiß abgesondert hatten. Eine Mischung von rohem Fleisch in der Sonne, Moder, sehr altem Käse und Durchfall. Quasi das Destillat von Furcht. Nick durfte es sogar schmecken. Er lag auf der Seite mit offenem Mund auf der Rückbank eines Polizeiautos. Sein erster Gedanke: Wenigstens ist es ein Lederbezug. Sein zweiter: Wo bin ich. Letzteren verwarf Nick gleich wieder, weil er Klischees hasste. Außerdem konnte er sich selbst zusammenreimen, wo er war. Während ein leises Sopransaxophon „Satin Doll“ aus dem Autoradio säuselte, kamen die Erinnerungen zurück.

Nick war noch damit beschäftigt gewesen, den Drang zu unterdrücken, sich hinter die kleine Bruchsteinmauer vor der Terrasse zu werfen. Sergeant Ulysses Kerr reagierte schneller (Wer jetzt erst einschaltet: Was bisher geschah). Mit einer fließenden Bewegung war er Nicks Blick zur anderen Seeseite gefolgt, entdeckte ebenfalls den Heckenschützen, zog seinen Schlagstock und drosch ihn über Nicks Schläfe. Aha, daher auch der pochende Schmerz. Und dann hatte ihm der Bulle wohl Handschellen angelegt und ihn in sein Auto geschleift. Ja, so musste es gewesen sein und es erklärte auch die anderen Schmerzen und dass er seinen linken Arm nicht mehr spürte. Und natürlich, dass er mit Handschellen gefesselt war. Nick hätte sich selbst ob seiner genialen Logik auf die Schultern geklopft, wären da, nun, wären da eben nicht die Handschellen gewesen.

Der Saxophonist war richtig gut. „Soviel Musikgeschmack hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut“, wollte Nick Grün sagen. Heraus kam: „’schmack zuwsfl.“
„Ah, Sie sind endlich wach“, begrüßte ihn Kerr, als hätte er einen alten Freund nach langer Zeit wiedergetroffen.
„Satin Doll. Gut. Hätte nicht gedacht, dass Sie sowas hören.“, murmelte Grün.
„Und ich hätte gedacht, dass Sie ein viel größeres arrogantes Arschloch wären.“
„Sehen Sie, wir lernen uns langsam kennen.“
Der Bulle lachte dreckig. „Besser als Sie denken.“ In Nicks whiskygetränktem Kopf formten sich unwillkürlich Bilder von einem bewusstlosen Nick und einem dicken Schotten, dessen sexuelle Ausrichtung alles andere als klar war.
„You snarr“, lachte der Schotte. „Epicly.“
„Das ist nicht wahr. Ich habe nie geschnarcht.“
„Ich musste das Radio laut drehen, weil ich das Sägen nicht mehr ertragen hab.“
„Was erwarten Sie, wenn Sie jemandem halb den Kopf zerdeppern.“
„Sorry lad. War nötig. Wie Sie sagten, um unser beider Willen.“

Und was werden Sie mit mir machen? Die Frage hing in der Luft und Nick Grün ließ sie hängen, weil er, wie gesagt, Klischees hasste. Stattdessen beobachtete er die Landschaft, wie sie an dem schmutzigen Autofenster vorbeizog. Sie befanden sich auf einer Landstraße in der Abendsonne. Nick musste also ein paar Stunden weggewesen sein. Ein paar malerische Straßendörfchen zogen an ihnen vorbei. Kleine Höfe, umgeben von saftig-grünen Wiesen, rote Telefonzellen – und überall hingen Plakate, viele schon abgerissen, und zerfetzt. „Vote for Brexit now“ konnte Nick noch entziffern. Wer zum Teufel war Brexit? Der Schotte schien wieder Nicks Gedanken zu lesen. „Eine Schande, oder? Wir haben für die EU gestimmt.“ Die EU? Konnte man jetzt darüber abstimmen. Klang irgendwie alles ziemlich abstrakt für Nick. Wie von einem langen Schlaf in einer anderen Welt aufzuwachen. „Ja, ja“, sagte er, „eine Schande.“
„Sie wissen doch, um was es hier geht.“
„Ja, ähm, um einen Brexit.“
„Sie kamen da oben wirklich nicht oft raus, oder?“
„Nein.“ Und dann überwand er sich doch. „Was werden Sie jetzt mit mir machen?“
„Oh, gar nichts. Aber nachdem Sie mich darum gebeten haben, von Ihrer Besorgnis erzählt haben, Ihr Leben könnte in Gefahr sein, werde ich mich der Sache annehmen.“
„Was?“
„Na Ihr Stalkerproblem. Das Blut an der Wand. Kümmere mich drum. Und Sie verlassen für eine Weile die Gegend, bis ich den Irren habe.“ Der Polizist lächelte Nick über den Rückspiegel an. „Sergeant Einfach zur Stelle. Die Handschellen nehme ich Ihnen gleich ab. Wollte Sie nur nicht aufwecken, Sie haben so schön geschnarcht“
Wahrscheinlich war es der Theas Tod. Sonst war Nick nicht so nah am Wasser gebaut. Wegen seiner gefesselten Hände konnte er sich die Tränen nicht einmal aus dem Gesicht wischen. Er schämte sich ihrer nicht. „Danke“, hauchte er. Wie Dampf verließ Nick die unerträgliche Anspannung. Die ganze Schönheit von Freiheit können wohl nur Menschen in Handschellen erfassen. Der Schriftsteller fühlte sich leicht, glaubte einfach abheben zu können und übers schottische Hochland davonfliegen. Aber seine Reise fing jetzt erst an. Nick Grün lehnte den Kopf an die Autotür, genoss den wirklich guten Jazz und die Landschaft im Abendlicht und war einfach froh, unterwegs zu sein. Jetzt würde er seine Suche beginnen. Er würde Antworten finden. Sie hatten Sergeant Ulysses Kerr unterschätzt. Aber vor allem hatten sie – wer auch immer sie waren – Nick Grün unterschätzt, der früher einmal weit mehr gewesen war, als mittelmäßiger Krimiautor und Trinker.

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